Wie baut man ein neues Versorgungsmodell in einem stark regulierten Bereich wie dem Gesundheitswesen auf? Und was wäre, wenn Pflege nicht beim Angebot beginnt, sondern beim Leben, das ein Mensch führen möchte? Rita Fussenegger hat eine Energie, die man nicht vergisst. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wo das Gesundheitssystem Lücken lässt, und hat trotz schwerer gesundheitlicher Herausforderungen Organisationen ins Leben gerufen, die genau dort ansetzen, darunter AufAtmen, die Selbsthilfegruppe AufAtmenSHG, die 21. Wienerschule und den Verein USE.
Aktuell baut sie AufAtmenWG auf, ein neues Wohn- und Versorgungsmodell für Menschen mit Beatmung oder Tracheostoma, das noch in der Gründungsphase beim Social Impact Award gewonnen hat. Petra Wolkenstein unterstützt Rita punktuell bei strategischen Fragestellungen. Im Interview erzählt Rita, warum Selbstbestimmung ihr Ausgangspunkt ist und warum sie als CEO nicht immer recht haben muss.
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Worauf beruht der Erfolg deines Unternehmens? Gab es in den letzten Jahren einen Wendepunkt?
Ich habe seit meinem 19. Lebensjahr bereits mehrere Organisationen gegründet und arbeite momentan vor allem am Aufbau von AufAtmenWG – einem neuen Wohn- und Versorgungsmodell für Menschen mit intensivpflegerischem Bedarf, Beatmung oder Tracheostoma. Obwohl wir noch in der Gründungsphase sind, durften wir bereits beim Social Impact Award gewinnen, haben über die Jahre öffentliches Interesse bekommen und konnten wichtige Partner:innen aus Medizin, Pflege und Politik für die Idee gewinnen. Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass wir die klassische Logik umdrehen. Wir fragen nicht zuerst: „Welche Versorgung können wir anbieten und wie muss der Mensch dort hineinpassen?“ Sondern: „Wie möchte dieser individuelle Mensch eigentlich leben – und welche medizinischen, pflegerischen und sozialen Strukturen müssen wir schaffen, damit genau dieses Leben möglich wird?“
Selbstbestimmung und „Was möchte der Patient“ ist für uns kein Zusatzangebot, sondern der Ausgangspunkt des Geschäftsmodells. Gleichzeitig möchte ich auch die Arbeitsbedingungen in der Pflege neu denken. Ein gutes Gesundheitsmodell muss für beide Seiten funktionieren: für Menschen, die Unterstützung benötigen, und für diejenigen, die diese Unterstützung jeden Tag leisten.
Wendepunkte gibt es bei uns ehrlich gesagt ständig. Manche sind positiv – etwa wenn plötzlich politische Entscheidungsträger:innen verstehen, warum diese Versorgungslücke geschlossen werden muss. Andere bestehen darin, festzustellen, dass eine Idee regulatorisch viel schwieriger in Österreich umzusetzen ist als gedacht.
Gerade in einem stark regulierten Bereich wie dem Gesundheitswesen lerne ich deshalb immer wieder: Eine starke Vision bedeutet nicht, starr an einem Weg festzuhalten. Die Vision darf gleich bleiben – aber der Weg dorthin muss sich verändern dürfen.
„Eine Strategie ist notwendig, weil die Zukunft unvorhersehbar ist.“ Stimmst du zu? Wie gehst du in deinem Unternehmen an Strategie heran?
Absolut. Gerade weil die Zukunft unvorhersehbar ist, braucht es Strategie – aber für mich ist Strategie kein Dokument, das man einmal schreibt und dann drei Jahre lang abarbeitet.
Ich unterscheide sehr klar zwischen Vision und Strategie: Die Vision beschreibt, wo wir hinwollen. Die Strategie beschreibt, wie wir unter den heutigen Bedingungen dorthin kommen, mit Meilensteinen. Und dieser Weg darf und muss sich verändern.
Bei AufAtmenWG arbeiten wir deshalb mit konkreten Meilensteinen, überprüfen diese aber laufend. Gerade weil wir ein neues Versorgungskonzept in einem komplexen rechtlichen und politischen Umfeld aufbauen, kann ein einziges Gespräch mit der Stadt, einem Gesundheitsträger oder einer potenziellen Partnerorganisation den nächsten Schritt verändern. Nach wichtigen Gesprächen gehen wir deshalb im Team bewusst zurück in unseren Strategieplan, schreiben die Bulletpoints auf und gehen ins persönliche Gespräch: Was haben wir gelernt? Welche Annahme war falsch? Was verändert sich? Was ist jetzt der sinnvollste nächste Schritt? Sind die Fragen, mit denen wir ins Gespräch reingegangen sind, beantwortet und braucht es eine Follow-up-Mail?
Und ich halte noch etwas für wichtig: Die Vision eines Unternehmens sollte größer sein als die Person, die es gegründet hat.
Als Gründerin darf ich deshalb nicht ein System bauen, das nur funktioniert, solange ich jeden Tag selbst das Rad am Laufen halte. Für mich gehört zu guter Strategie auch, Strukturen, Teams und Wissen so aufzubauen, dass die Organisation langfristig ohne mich wachsen kann. Daran arbeiten wir in AufAtmenWG noch.
Was oder wer hilft dir am meisten, wenn du vor einer schwierigen unternehmerischen Entscheidung stehst?
Als Erstes versuche ich, nicht sofort zu entscheiden. Immer eine Nacht drüber schlafen.
Bei schwierigen Entscheidungen hilft mir tatsächlich Ruhe, um auch in mein Bauchgefühl zu hören. Ich schreibe viel, reflektiere und habe bestimmte kleine Rituale entwickelt, mit denen ich versuche herauszufinden: Was sind gerade Fakten, was ist Angst, was ist mein Ego – und was halte ich wirklich für richtig?
Dann schreibe ich eine rein faktenbezogene Pro-und-Kontra-Liste, fern von meinen eigenen Gedanken bzgl. der Entscheidung.
Danach suche ich bewusst Außenperspektiven. Ich habe das Glück, Menschen in meinem Freundeskreis und Mentor:innen zu haben, die in unterschiedlichen Bereichen viel mehr wissen als ich. Und ich frage nicht unbedingt die Person, von der ich weiß, dass sie mir zustimmen wird, sondern diejenige, deren Urteil ich in genau diesem Bereich respektiere.
Das Entscheidende ist für mich, Menschen um mich zu haben, bei denen ich meine Meinung ändern darf. Ich hatte schon Gespräche, in die ich vollkommen überzeugt von meiner Position hineingegangen bin und aus denen ich mit dem Gedanken herauskam: „Okay, ich lag falsch.“
Das empfinde ich nicht als Schwäche. Im Gegenteil: Als CEO muss ich nicht immer recht haben. Ich muss ein Umfeld schaffen, in dem die beste Idee gewinnen kann – auch wenn sie nicht meine war.
Und als Letztes, bevor ich die Entscheidung treffe, höre ich auf mein Bauchgefühl.
Wenn du eine Superkraft haben könntest, welche wäre das?
Ganz eindeutig: Zeit generieren können. Ich habe leider sehr viele Ideen. Sehr viele. [lacht]
Neben AufAtmen arbeite ich an mehreren Organisationen und Projekten und beschäftige mich inzwischen auch mit Forschungs- und Innovationsthemen. Dass das überhaupt möglich ist, liegt vor allem daran, dass ich großartige Teams habe und gelernt habe, Verantwortung abzugeben.
Trotzdem erwische ich mich regelmäßig bei dem Gedanken: Warum hat ein Tag eigentlich nur 24 Stunden?
Wenn ich also eine Superkraft wählen dürfte, würde ich nicht fliegen oder Gedanken lesen wollen. Ich hätte gerne die Fähigkeit, aus 24 Stunden einfach 48 zu machen – idealerweise inklusive acht Stunden Schlaf.
Vielleicht steckt darin aber auch eine unternehmerische Lektion: Ich werde niemals genug Zeit haben, um jede gute Idee selbst umzusetzen. Meine eigentliche Aufgabe ist deshalb zunehmend nicht, alles selbst zu machen, sondern die richtigen Menschen zu finden, zu delegieren und ihrem Know-how zu vertrauen, damit wir zusammen aus Ideen Realität machen.
Worauf bist du am meisten stolz?
Ich glaube, ich bin am meisten stolz auf die Person, die ich geworden bin.
Ich bin heute 24 und habe einen großen Teil meiner Jugend und meines jungen Erwachsenenlebens schwer krank und teilweise über lange Zeit im Krankenhaus verbracht. Es gab einen Zeitpunkt, an dem der wahrscheinlichere Lebensweg für mich nicht Unternehmertum, internationale Projekte oder Selbstständigkeit gewesen wäre, sondern dauerhafte institutionelle Langzeitpflege.
Das Leben, das ich heute führe, war nicht der wahrscheinlichste Weg.
Und genau darauf bin ich stolz: dass ich trotz allem nicht aufgehört habe, mir eine Zukunft vorzustellen – sondern auf der Intensivstation begonnen habe, sie Schritt für Schritt selbst aufzubauen.
Meine Krankheit konnte ich mir nicht aussuchen. Viele Rahmenbedingungen ebenfalls nicht. Aber ich konnte irgendwann entscheiden, was ich mit dem mache, was mir passiert ist.
Vielleicht ist das auch die Haltung hinter fast allem, was ich gründe:
Ein Problem kann einem sehr viel nehmen. Aber wenn man beginnt, nach einer Lösung zu suchen, bekommt man ein Stück Handlungsmacht zurück. Und manchmal wird aus genau der Lösung, die man selbst einmal dringend gebraucht hätte, etwas, das später auch das Leben vieler anderer Menschen verändert.
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-> Herzlichen Glückwunsch! Diese Startups und Scaleups verdienen Applaus