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Wir analysieren die Kriterien, um besser zwischen ICOs und VCs entscheiden zu können.

Sind Initial Coin Offerings (ICOs) die schnellere und einfachere Methode, um das eigene Startup zu finanzieren oder sind sie ein Hype, der in 3 Jahren verschwunden sein wird? Fakt ist, dass sich die Finanzierungs-Möglichkeiten für Startups massiv verändern. In der Vergangenheit ließ sich Kapital mit enormer Geschwindigkeit über ICOs aufnehmen. Im Juni 2017 erreichte das Funding Volumen durch ICOs erstmalig 550 Millionen USD und überstieg damit das Investitionsvolumen von Business Angels und VCs. ICOs scheinen die schnellste Möglichkeit zu sein, um ein Startup zu finanzieren, aber ist das auch wirklich so und vor allem, ist es die richtige Methode für Ihr Startup? Wir diskutieren die Hauptkriterien, die Sie berücksichtigen sollten, wenn Sie sich zwischen ICOs und VCs entscheiden und ob es hier wirklich um ein „Entweder-Oder“ geht.

 

In Zukunft ICO oder doch lieber mit dem Business Angel und VC?

Keine Frage, es sieht nach einer attraktiven Möglichkeit aus, sich nicht einem aufwendigen und durchaus schwierigen VC-Prozess zu stellen und gleichzeitig auf das Kapital einer großen Menge an Investoren zuzugreifen. Der ICO als das neue Modell der Startup Finanzierung ist verlockend. Welche Kriterien helfen bei der Entscheidung, ob ein ICO aus heutiger Sicht die erfolgversprechendere Finanzierungsquelle ist als der klassische Business Angel oder VC-Fonds?

 

Schneller Geld aufstellen

Auf den ersten Blick, scheint es rasch möglich, einen ICO umzusetzen. Technisch geht das innerhalb weniger Tage. Ein VC-Prozess dauert im Schnitt hingegen 6 bis 9 Monate inklusive der Vorbereitungsphase. Und diese Vorbereitungsphase ist ebenso bei der Strukturierung eines nachhaltig erfolgreichen ICOs notwendig. Richard Kastelein, der Herausgeber von Blockchain News warnt hingegen, die Zeitachse nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, denn die regulatorischen Bedingungen sowohl für das Startup als auch für die Personen, die investieren, müssen in Betracht gezogen werden, ebenso wie die Rechte und Funktionalitäten des Tokens genau definiert werden wollen und mittlerweile auch international eine Roadshow bei ICO-Investoren-Pools notwendig wäre. 6 Monate Vorbereitungszeit für einen guten ICO veranschlagt ebenso Stephan Karpischek, der sich mit seinem Unternehmen Etherisc ebenso gerade auf seinen ICO vorbereitet. Ein nachhaltiger ICO benötigt im Schnitt gleich viel Zeit und Energie der GründerInnen wie der Weg zum VC-Einstieg.

 

Smartes oder pures Kapital

Eine der großen Vorteile im Bereich der frühphasigen Finanzierung ist der Zugang zu smartem Kapital. Ein gut ausgewählter Investor bringt sein Netzwerk, Sales-Kontakte, strategische Expertise, Branchenwissen und Unterstützung in Organisations- und Personalfragen ein. Der typische Coin- oder Token-Besitzer ist anonym und bringt keines dieser smarten Elemente ein. Sicher, ein ICO hat das Potenzial, höhere Geldsummen aufzustellen und damit kann das Startup Berater einkaufen (anstatt Expertise von Investoren zu nutzen). Doch ein Investor, der sein Kapital risikoreich investiert hat, wird viel stärker motiviert sein, sich einzubringen, als ein bezahlter Berater.

 

Sichtbarkeit und Netzwerkeffekt

Der große Vorteil eines ICOs liegt ähnlich wie bei der Crowdfunding-Kampagne in der erhöhten Sichtbarkeit im eigenen Ökosystem und bei den potenziellen Nutzern des Produktes. Bei einem gut strukturierten Nutzungs-Token kommt der Netzwerkeffekt noch als sehr attraktiver Vorteil hinzu. Obwohl ein gut bekannter Lead-Investor für die GründerInnen viel wert ist und ein starkes Signal in den Markt sendet, ist der ICO verbunden mit der Nutzung des Produktes in diesem Punkt sicher unschlagbar.

 

Rechte der Coin- oder Token-Besitzer

Ein ICO kann durchaus damit auskommen, den Coin- oder Token-Besitzern keine typischen VC Schutzrechte einzuräumen (Liquidation Preference, Beteiligung im Management, etc.). Im Vergleich zu einem VC- oder Business Angel-Einstieg kann das ein immenser Vorteil sein. Wie lange dieser Vorteil bei Eigenkapitalanteils-ähnlichen ICOs bestehen bleibt, ist allerdings fraglich.

 

Potenzielle Finanzierungssummen

Im deutschsprachigen Raum bekommt man in einer Seed-Runde bis maximal 500.000 EUR. Das hatte bisher auch seinen Grund, denn in dieser Startup-Phase ist der Beweis noch nicht erbracht, ob das Produkt vom Markt angenommen werden wird. Ein zu hoher Finanzierungsbetrag kann einen nachteiligen Einfluss auf die Produktentwicklung bewirken. Zu viel Geld, zu wenig Konzentration auf potenzielle KundInnen. Die potenziellen Finanzierungssummen über ICOs sind hingegen nicht wirklich Grenzen gesetzt. Im Durchschnitt sammelten ICOs ca. 2 Millionen USD ein, obwohl einzelne Projekte auch das 5 bis 10fache lukrieren konnten als über Business Angels möglich gewesen wäre, meint Travis Scher von der Digital Currency Group. Generell ist also auch hier die Empfehlung, trotz höherer Finanzierungssummen über ICOs vorsichtig mit den Volumina umzugehen, eine Treuhänderschaft zwischenzuschalten und nur nach Erreichen von vordefinierten Meilensteinen Kapital abzurufen.

 

Die Vision und Einstellung der GründerInnen

Das ICO-Modell stammt aus der Blockchain-Gemeinschaft, die dezentrale Konzepte und die Ausschaltung von Intermediären verbindet. Wer nicht von wenigen Investoren finanziert werden möchte, sondern von vielen Anlegern mit kleineren Tickets, um die Investitionsmöglichkeit für viele zu öffnen, ist definitiv mit einem ICO ähnlich wie mit dem Crowdfunding-Ansatz besser bedient.

 

Business Modell und Technologie

Gerade beim ICO gibt es eine starke Verbindung zwischen Business Modell und Finanzierungsmodell. ICOs schaffen einen langfristigen Wert für die Token-Besitzer, wenn die Funktionalitäten im Token einen Netzwerk-Effekt erzeugen können, d.h. wenn die Token-Besitzer ihre Tokens gerne verwenden, um das Service zu nutzen. ICOs entstanden vorrangig als attraktive Finanzierungsmodelle für Blockchain-basierte Projekte. Brock Pierce erwähnte während der Rise of ICO Konferenz in Linz, dass die erste ICOs sicher jene waren, die für VCs nicht attraktiv waren, weil sie auf einem dezentralisierten Ansatz basierten. Nun werden ICOs zunehmend auch von Unternehmen mit einem traditionellen, nicht Blockchain-basierten Business Modell gestartet. Die Token-Funktionalität wird mit dem traditionellen Business Modell kombiniert. Insgesamt ist ein nachhaltiger ITO sicher eher etwas für Projekte, die einen Netzwerkeffekt in ihr Business Modell über einen Token einbauen konnten oder wollen.

 

Zugrundeliegendes regulatorisches Risiko

Während im September China mit einem ICO-Verbot aufhorchen und ICOs rückabwickeln ließ und Südkorea sich anschloss, müssen Unternehmen in den USA den „Howey Test“ bestehen, um zu beweisen, dass sie keinen ICO durchführen, der einem IPO gleichzusetzen ist. Singapur und die Schweiz gelten derzeit ziemlich ICO-freundlich. Die regulatorischen Gremien passen sich zusehends an die neue Situation an und wo es nicht bereits Regulierung im Markt gibt, kann sich noch einiges verändern. Das Risiko, in weniger streng regulierten Märkten eventuell rückabwickeln zu müssen, besteht allerdings und ist sicher ein Grund, warum manche Startups doch den Weg Richtung VC und Business Angels beschreiten.

 

Viel Raum für Kombinationen in der Startup Finanzierung

Welche Finanzierungsoption Startups auch wählen, es ist kein klares „Entweder-Oder“ sondern durchaus auch in Kombination möglich, finanziert zu werden. Beispielsweise starten VC-finanzierte Unternehmen ICOs oder bieten VCs während der pre-ICO Phase Tokens an. Sollte ein Projekt weder Blockchain-basiert sein oder keinen Netzwerkeffekt für einen Nutzungs-Token vorsehen, ist der Weg über Business Angels und VCs weiterhin offen.

 

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